Freitag, 22. Januar 2010

Die digitale Zwangshandlung

Sieht so eine Zwangshandlung aus?
"Den ganzen Tag über erreichen mich Mails, InstantMessages und Anrufe. Überall, rund um die Uhr und dank meines Blackberrys sogar allumfassend. Ich kann innerhalb von Sekunden reagieren. Was für ein Service für meine Kunden!
Endlich verschwende ich keine Zeit mehr, wenn die Besprechungen an denen ich teilnehme zu langweilig sind. Ich kann Mails beantworten, meine Termine planen, Ideen festhalten und gleichzeitig anwesend sein.
Wissen ist Macht, darum kann es auch nicht schaden, das ein oder andere Mal am Tag in spiegel.de oder in meinen RSS-Feeds zu stöbern. Es ist doch prima, wenn man mitreden kann und auf dem neuesten Stand ist. Gerade wenn man innovativ sein möchte, ist das unabdingbar."

Schöne neue Welt, oder?

Das Aufregende ist, dass durch die Informations- und Kommunikationsmedien alles gleichzeitig erlebbar wird - theoretisch jedenfalls. Aber macht das wirklich Sinn? Ist Aufmerksamkeit teilbar?
Was ist wichtiger? Über ein berührendes Schicksal am anderen Ende der Welt informiert zu sein, oder meinem augenblicklichen Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit zu schenken?

Nein, die Dinge werden nicht gleichzeitiger als zuvor, aber jetzt können wir die Information immer und überall auf direktem Wege bekommen. Twitter aus dem Iran, Facebook-Einträge einer eigentlich schon längst vergessenen Jugendbekanntschaft, wichtige Projektmails.

Von der Zwangshandlung zum bewußten Lenken der Aufmerksamkeit

Haben Sie sich schon einmal dabei beobachtet, wie wenig Sie Ihre Aufmerksamkeit selbst und vor allem bewusst lenken?
"Einen Moment, ich sehe gerade meinen Blackberry im Augenwinkel blinken. Ich kann zwar nicht bewerten, ob die Nachricht wichtig oder unwichtig ist, aber es durchströmt mich eine sanfte Adrenalin-Welle, die mich dazu zwingt, mein Smartphone mit ein paar Daumenbewegungen, die wahrscheinlich schon reflexartig aus dem Rückenmark kommen zu aktivieren."

Nur weil das Angebot da ist, muss man es doch nicht unbedingt konsumieren! Oder doch?

Konditionieren wir uns selbst?

Unser Gehirn scheint an diesem Punkt leider ziemlich einfach gestrickt zu sein. Wenn eine Befriedigung durch Information, Nahrung oder jeglichen anderen Konsum zeitlich nah gestillt werden kann, dann lernt es das sofort… und will mehr!

Manchmal hat es den Anschein, als könnten die wenigsten Menschen wirklich selbst entscheiden, ob und was genau Sie konsumieren, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:

Das Angebot muss die Aufmerksamkeit erlangen. (Eine neue Nachricht!)
Und das Angebot muss leicht und direkt abrufbar sein. (Ein Klick!)
Was für eine Macht! Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Angebot und direkter Erfüllbarkeit genauer, wird deutlich, mit welcher Intensität wir uns selbst mit dem zügellosen Kosum von Informationen konditionieren.

Aber ich habe doch keine Wahl!

Ein Mensch, der sich dessen bewusst ist, dass er immer die Wahl hat, seine Aufmerksamkeit zu lenken, trifft  die Entscheidung selbst. Wann setze ich mich welchem Reiz aus? Muss ich das Eintreffen jeder Mail mitbekommen? Brauche ich mehrmals am Tag Nachrichten?

Abschalten!

Haben Sie als Kind auch Löwenzahn geschaut? Da hat Peter Lustig uns doch schon die absolute Essenz der Selbstbeherrschung und Kontrolle der eigenen Aufmerksamkeit mit auf den Weg gegeben. Abschalten!

Natürlich kann man auch das Telefon für eine gewisse Zeit abschalten, um konzentriert arbeiten zu können. Das Mailprogramm muss nicht die ganze Zeit geöffnet sein - es ist ja kein InstantMessenger! Zweimal am Tag die Mail abzuarbeiten reicht normalerweise vollkommen, oder?  :-)

Medien können nicht gut oder böse sein. Entscheidend ist unser Umgang mit Ihnen. Seien Sie mutig, die Kontrolle zurückzuerobern!